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1. Mannschaft

Versöhnlicher Abschluss einer turbulenten Saison

Wenn man bis zum letzten Spieltag rein rechnerisch hätte absteigen können und am Ende doch Vizemeister wird, ist es wohl eine Frage der Lebenseinstellung (Glas halbleer oder halbvoll?), ob von einer sportlich erfolgreichen oder unruhigen Saison die Rede ist. Außer Frage steht, dass wir uns den zweiten Tabellenplatz dank eines 5:3-Heimsieges gegen die Schachfreunde aus Spelle verdient haben – wenngleich an dieser Stelle gesagt werden muss, dass Spelle mit einer 0:2-Hypothek angereist war (Brett sechs und acht wurden freigelassen) und wir davon natürlich profitierten.

Brett 1

Und so machte es Dirk am ersten Brett im mannschaftsdienlichen Sinne höchst professionell, indem er mit den schwarzen Steinen in einer durchweg ausgeglichenen Partie gegen Patrick Meyjohann einen halben Punkt holte. Beide spielten nahezu perfekt, selbst die Engine gibt dem Autor dieses Textes nicht die Möglichkeit, sich über einen schlechten Zug von Dirk lustig zu machen. Wie schade. (2,5:0,5)

Zwei Türme und ungleichfarbige Läufer bedeuten in dem Fall ein totes Remis.

Brett 2

Deutlich aufregender ging es am zweiten Brett zu, sah sich Nazar (Weiß) doch mit der Aljechin-Verteidigung konfrontiert.

Auf 1. e4 antwortet Schwarz mit 1. Sf6. Häufig wird der Springer dann, wie Nazar es auch tat, mit den Bauern übers Brett gejagt.

Nach den eröffnenden Theoriezügen kam Nazar nicht so richtig zu seinem Spiel. Vielmehr gewann sein Gegner Siegfried Löcken die Kontrolle über wichtige Linien, Reihen und Diagonalen – und stand zwischendurch prächtig.

Trotz materiellen Gleichgewichts steht Schwarz bedeutend besser. Seine Türme sind aktiver, kontrollieren die b-Linie und einer der Türme steht auf der zweite Reihe (da wo die Türme hingehören). Zudem ist das schwarze Läuferpaar stärker einzuschätzen als das des Weißen. Die schwarzen Figuren harmonieren gut, die weißen Figuren hingegen kommen unkoordiniert daher.

Zum Glück fand Nazar irgendwie noch den Ausweg aus der Passivität. Wie Dirk, wickelte er die Stellung in ein Remisendspiel mit Türmen und ungleichfarbigen Läufer ab.

Der Mehrbauer auf c4 ist nicht mehr entscheidend. Weder aus schwarzer noch aus weißer Sicht ist hier noch mehr drin als ein halber Punkt. Nazar und Löcken einigten sich auf Remis. (3:1)

Brett 4

Zu einem zähen hin und her Geschiebe der Figuren, natürlich mit der jeweiligen Intention, die eigene Stellung peu a peu verbessern zu wollen, entwickelte sich das vierte Brett zwischen Maksym und Stefan Giese. Doch während Maksym mit seinen weißen Figuren kaum eine Angriffsidee zu stiften vermochte, lag Gieses Matchplan spätestens in folgender Stellung auf der Hand:

Der Bauer auf f5 steht verdächtig weit vorne und plant ein Aufreißen der Bauernkette am Königsflügel, wofür sich der g3-Bauer als Angriffsmarke perfekt anbietet. Aus schwarzer Sicht spielt es sich nun logisch weiter, Weiß hingegen muss zusehen, den Laden irgendwie zusammenzuhalten.

Giese trug den Angriff (leider) mustergültig vor, wich mehrfach einem Damentausch aus und finalisierte, wen überrascht es, genau, mit der Dame.

Auch sowas kann eine Schachpartie sein: Nicht eine Linie hatte sich ganz geöffnet, nur den e-Bauern musste Maksym frühzeitig abgeben. Dieser Bauer hätte das Ruder aber auch nicht mehr herumreißen können, denn das Matt ist nahezu unvermeidlich (3:2).

Brett 5

Wie bereits eingangs erwähnt wurde, hätten wir unter sehr unglücklichen Umständen auch absteigen können. Um dieses theoretische Szenario komplett aus der Welt zu schaffen, brauchten wir jetzt nur noch einen Brettpunkt. Und diesen bescherte uns Uwe, der damit seine formidable Debütsaison als Kaponiero krönte. Schon in der Eröffnung ging es gut für ihn los. Dank einer Taktik gewann er einen Bauern:  

Dank 17…Lxh3 konnte Uwe einen Bauern gewinnen. Das Wiedernehmen des Läufers hätte die tödliche Gabel 18…Sf3+ zur Folge gehabt.

Entschieden war die Partie damit aber noch nicht. Zwar konnte Uwe den materiellen Vorteil halten, jedoch fand sein Gegner Christian Haumer die Ressource, eine Qualität gegen aktives Figurenspiel einzutauschen.  

Der schwarze König auf h6 steht blank, der weiße Springer auf d5 ist eine Macht und das weiße Läuferpaar linst bedrohlich in des gegnerischen Stellung. So einfach lässt es sich aus schwarzer Sicht dann doch nicht mehr weiterspielen.

Uwe aber blieb cool, tauschte heiter ab und zwang seinen Kontrahenten in ein – + Endspiel.

Nach 56 Zügen gab Haumer auf, Turm und Freibauer sind zu stark für das weiße Restmaterial. (4:2)
 
Uwes Bilanz kann sich sehen lassen: Mit einer Performance von 1990 war er einer der Erfolgsgaranten der Saison.

Brett 6

Am sechsten Brett spielte ich mit Weiß gegen Stefan Kewe, der sich seit einigen Monaten in bestechender Form zeigt, gewann er auf den Landeseinzelmeisterschaften Anfang des Jahres doch das B-Open und kam er in der laufenden Saison auf überzeugende 6/7 („six-seven“) Punkten. Nach der eher unspektakulären Eröffnungsphase mit minimalen Ungenauigkeiten auf beiden Seiten entschied ich mich für Initiative im Austausch gegen einen Minusbauern. Der materielle Nachteil währte nur kurz, den Bauern holte ich mir schnell zurück. Hinzu kam, dass ich etwas aktiver stand.

Obwohl materielles Gleichgewicht herrscht, steht Weiß vermutlich etwas besser. Die weiße Dame steht sehr aktiv, der weiße Turm kontrolliert die offene d-Linie und es drohen konkrete Züge, wie Sxe5. Gute Züge für Schwarz zu finden, ist bedeutend schwieriger.

Endgültigen Vorteil erlangte ich durch den Gewinn einer Qualität.

23. Lh3! Der schwarze Turm ist gefesselt, da sonst der Springer auf d7 fällt. Ich dachte nun, die Partie kippt komplett in meine Richtung…

Kewe aber hielt gut dagegen und stellte mich dank seines starken weißfeldrigen Läufers, den er auf d5 zementierte, vor eine schwierige Entscheidung: Gebe ich die Qualität wieder ab oder spiele ich um den starken Läufer herum?

Hier stellte sich für mich die Frage: schlagen oder nicht schlagen?

Schlussendlich schlug ich, auch wegen Zeitnot, den Läufer, mit dem Argument, dass ein halber Punkt für einen Mannschaftssieg ja genüge. Das Endspiel war trotzdem für mich besser. Weil auch Kewe unter Zeitdruck geriet und die Damen abtauschte, hatte ich am Ende ein Turmendspiel auf dem Brett, in dem ich volle Aktivität genoss.

Es droht Tb8+, gefolgt von a8D. Kewe gab auf. 5:2

Brett 8

Der Mannschaftssieg war eingetütet, am achten Brett ging es also vermeintlich „nur“ um reine Ergebniskosmetik. Dies war jedoch weder für Fabian noch für den erst achtjährigen Alexander Subenko (eines der vielversprechendsten Schachtalente Deutschlands) kein Grund dafür, alles schnell zu beenden und sich in die Hängematte zu legen.

Die beiden lieferten sich bis zum Schluss einen zähen und spannenden Kampf. Im Endspiel stand Fabian zwischenzeitlich sogar besser – wenn auch aus praktischer Sicht nicht so einfach zu sehen –, doch Subenko fand spielentscheidendes Gegenspiel.

Weil Fabian das Läuferpaar und einen gefährlichen Freibauern auf e4 hatte, stand er über weite Strecken besser. Subenko entwickelte aber, wie es sich gehört, Gegenspiel und kam über Lf8 (siehe Diagramm) an die auf den schwarzen Feldern verkeilte Bauernkette heran.

Fabian verlor leider den Faden und verpasste es, die Stellung noch irgendwie zu verteidigen. Am Ende musste er sich trotz der erneut streckenweise ansprechenden Leistung (wie auch schon gegen Jever) geschlagen geben. 5:3

Nach 66. g6 resignierte Fabian. Einer der beiden Freibauern läuft zum Umwandlungsfeld durch.
Kaponieros auf die zwei!

Das war’s also für diese Saison: Wir beenden die Spielzeit 25/26 auf einem erfolgreichen zweiten Platz. Die sportliche Beurteilung obliegt mir nicht und um ehrlich zu sein, habe ich jetzt auch keine Lust mehr zu schreiben. Das Wetter ist gut und ich sitze hier am Laptop…

Ach ja, wir haben noch gegrillt und es war lecker und so. Und die Stimmung war auch klasse. Danke für die Unterstützung! Bis zur nächsten Saison 🙂

Uwe zeigte uns noch, wie man bestimmte Turmendspieltypen zu behandeln hat.

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